Kettenringe – Technologie und Herstellung

Zielsetzung

Ziel dieser Arbeit ist es die verfügbare Literatur zu dem Thema der Herstellung von Ringen als Basis für Kettenrüstungen (wissenschaftlich Ringpanzer genannt) zusammenzufassen und zu vergleichen. Bei der Auswertung der verfügbaren Literatur hat sich leider herausgestellt, dass es praktisch keine Untersuchungen zu Kettenrüstungen des 13. Jahrh. gibt, die auf die Ringe eingehen. Die frühesten Kettenrüstungen die dahingehend in der Literatur untersucht wurden stammen aus dem 14. Jahrh. Daher konnten zumeist nur Vermutungen darüber angestellt werden wie und ob sich die Technologien und Verfahren im 13. Jahrhundert von denen im untersuchten 14. Jahrhundert unterschieden.

Wie üblich erhebt diese Arbeit weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Korrektheit, auch wenn versucht wurde die verfügbare Literatur bestmöglich auszuwerten.
Herstellung des Drahtes

Als wichtigste Grundlage für die Herstellung von Kettenpanzern wird Draht aus Eisen bzw. Stahl benötigt. Hinsichtlich der Herstellungsmethode für diesen Draht hat es einige Diskussionen gegeben. So wurde argumentierte [6], dass bereits alleine das Vorhandensein von Kettenrüstungen Beweis genug ist, dass das Ziehen von Draht bekannt und genutzt wurde. Beim Drahtziehen wird ein Stab durch Ziehen durch einen Ziehstein oder ähnliches Werkzeug, das einen etwas geringeren Durchmesser als der Stab hat so verformt, dass sich sein Durchmesser verringert und die Länge vergrößert. Durch wiederholtes Anwenden dieses Prozesses mit immer geringeren Durchmessern gelangt man vom Stab zum Draht mit dem gewünschten Durchmesser.

Gegen diese Argumentation führt C.S Smith [9] einige technische Gründe und metallurgische Beweise an, so dass es als gesichert angesehen werden kann, dass der Draht für Kettenrüstungen nicht zwingend durch Ziehen hergestellt sein muss. Die von C.S. Smith vorgeschlagen alternative Methode erhält den Drahtrohling durch Abschneiden eines Streifens aus einer Blechplatte. Dieser Rohling kann entweder direkt verwendet werden (wodurch sich rechteckige Drahtquerschnitte ergeben), durch Hämmern oder Feilen leicht verformt werden (wodurch sich unregelmäßige bis halbrunde Querschnitte ergeben) oder zur Endformgebung noch durch einen Ziehstein gezogen werden (wodurch sich halbrunde, ovale oder runde Querschnitte ergeben).

Metallurgie des Drahtes

Zur Metallurgie des für Kettenhemden verwendeten Drahtes wurde drei Arbeiten ausgewertet (A. Williams [5], C.S. Smith [9], V. Vegard [16]).

Diese haben jeweils einige Proben von Ringen die ihnen zur Verfügung gestellt wurden auf ihre metallurgische Beschaffenheit hin untersucht.

Leider ist in den ersten beiden Veröffentlichungen jeweils nur eine Probe aus dem 14. Jahrh. ausgewertet worden, was Aussagen über die Qualität des in dieser Zeit verwendeten Drahtes bzw. Rohmaterials sehr schwierig macht.

Unter Berücksichtigung des generellen zeitlichen Trends in Bezug auf Härte und verwendetem Material lässt sich vermuten, dass im 14. Jahrh. hauptsächlich Schmiedeeisen mit nur lokalem Stahlanteil zum Einsatz kam. Das Material wurde durch Abschrecken gehärtet, wobei dies bei dem geringen Stahlanteil nur einen bedingten Effekt hatte.

Dies schließt natürlich nicht aus, dass vereinzelt auch deutlich höherwertiges Material verwendet wurde, nur liegen darüber in den hier ausgewerteten Quellen keine Informationen vor.

Das selbst im 16. Jahrh. noch Material mit gleich schlechter Qualität vorkommt, kann weder als Hinweis für oder gegen diese Deutung dienen.

Es soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass durchaus auch Ringe aus anderen Metallen als Eisen bzw. Stahl vorgekommen sind. So haben die in den Quellen [12,13,14] untersuchten Kettenhemden alle eine Verzierung aus Messingringen. Bei den Ausgrabungen in Visby [1] sind auch Ringe aus Bronze gefunden worden.

Auf Grund der geringeren Festigkeit dieser Metalle ist davon auszugehen, dass Ringe daraus nur als Verzierung an unkritischen Stellen verwendet wurden.

Auch wenn alle betrachteten Proben aus dem 10. oder dem 14. Jahrhundert und später stammen, gibt es keine Anhaltspunkte die darauf hindeuten, dass sich der Drahtquerschnitt im 13. Jahrh. von diesen deutlich Unterschieden hat (allerdings gibt es wie so häufig auch keine Beweise dafür, dass der Querschnitt gleich war). Ein zeitlicher Trend in den Drahtquerschnitten lässt sich Anhand der vorhandenen Proben nicht erkennen.

Somit ist davon auszugehen, dass der übliche Drahtquerschnitt im 13. und 14. Jahrh. im Allgemeinen eher eckig, ansonsten (halb)rund bis oval war.

Drahtdurchmesser

 

Die Anzahl der hinsichtlich der Drahtstärke ausgewerteten Kettenhemden lässt eine gültige Aussage zu den üblichen Drahtdurchmessern eigentlich nicht zu. Wie in der Tabelle dargestellt, sind an den Fundstücken Durchmesser von 0,5 mm bis 2,9 mm gemessen worden. Die allermeisten Werte liegen aber im Bereich von 0,8 mm bis 1,5 mm, wobei Stärken von über 2,0 mm vermutlich die Ausnahme waren.

Interessant ist, dass die Drahtstärke an den Ärmeln der beiden daraufhin untersuchten Kettenhemden generell etwas kleiner war als am Rumpf. Es wäre denkbar, dass dies mit Absicht so gemacht wurde um die Beweglichkeit der Ärmel zu erhöhen, es könnte aber auch durch erhöhten Verschleiß (Abrieb) der Ringe an den Ärmeln erklärt werden.

Der Drahtdurchmesser der geschlossenen Ringe scheint im Durchschnitt etwas größer als der von vernieteten Ringen in der gleichen Probe zu sein.
Herstellung der Ringe
Vernietete Ringe

Die grundlegende Herstellungsweise von vernieteten Ringen ist bereits vielfach beschrieben worden [6,15, u.a.], daher wird hier nicht näher auf die Grundlagen eingegangen.
Der Ablauf bei vernieteten Ringen ist wie folgt (siehe auch Bild 1):

Bild 1

Bild 1

Wickeln des Drahtes um einen Stab o.ä. (A)
Abschneiden der einzelnen Ringe
Überlappen der Ringe (B)
Abflachen der Überlappung (C)
Einbringen der Nietlöcher (D)
Vernieten (E-G)
Hinsichtlich der für den Herstellungsprozess verwendeten Werkzeuge und Hilfsmittel gibt es eine anhaltende Diskussion, die meines Erachtens auch nicht abschließend geklärt werden kann, da die vorhandenen Proben keine bis wenig Anhaltspunkte in dieser Sache liefern und die ersten graphischen Quellen dazu aus dem 15. Jahrh. stammen.
Hinsichtlich der Überlappung ist interessant, dass bei den in den Quellen [12-14, sowie 1, Seite 111] untersuchten Ringen die Überlappung des Drahtes entgegen des Uhrzeigersinns erfolgte (wie in Bild 1 B-E dargestellt). [16] geht davon aus, dass praktisch alle mittelalterlichen Kettenringe so hergestellt wurden.

Bei Probe 4 (16. Jahrh.) aus Quelle [9] wurde festgestellt, dass die Überlappung durch Zurückklappen des Drahtes verstärkt wurde (siehe Bild 1, I und J). Bei anderen Proben wurde dies jedoch nicht gefunden.

In [16] wird die Theorie aufgestellt, dass die Überlappung nicht nachträglich erfolgte, sondern die Ringe direkt mit der Überlappung von der Wicklung abgeschnitten werden.
Nach [9] erfolgte das Einbringen der Nietlöcher bei allen untersuchten Proben mittels eines Stempels der durch die abgeflachte Sektion hindurch getrieben wurde. Das Bohren der Löcher erfolgte in keinem der Fälle. Dies wird in [16] bestätigt.
Zur Vernietung gibt es einige metallurgische Erkenntnisse. Probe 7 (15./16. Jahrh.) aus Quelle [5] wurde anscheinend unter Erwärmung vernietet. Bei den anderen Proben, insbesondere früherer Herstellung, wurde dies nicht festgestellt, daher ist davon auszugehen, dass die anderen Ringe im kalten Zustand vernietet wurden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch [9].

Auf Grund der großen Verformung (Abflachung) die die meisten Nietenköpfe aufweisen, geht [9] davon aus, dass die Nieten mit einem Hammer oder ähnlichem vernietet wurden und nicht langsam mittels Zange o.ä.

[16, 18] hingegen haben vorwiegend runde Nietenköpfe gefunden und gehen daher davon aus, dass die Vernietung mittels eines Werkzeugs (siehe Bild 1 G) erfolgte.
Die Nieten in den Quellen [12-14] sind flach und keilförmig, daher vermutlich aus einem Metallstreifen herausgeschnitten. Die von [9] untersuchten Nieten sind zumeist flach und rechteckig.

Bild 1: Stadien der Ringherstellung [15]
Geschlossene Ringe

Bei geschlossenen Ringen gibt es zwei mögliche Herstellungsmethoden. Das Verschweißen von Drahtringen und das Ausstanzen aus Blech.
Verschweißen:

Wickeln des Drahtes um einen Stab o.ä. (A)
Abschneiden der einzelnen Ringe
Überlappen der Ringe (B)
Verschweißen der Überlappung
Evtl. korrigieren der Ringform

Auffällig ist, dass die Überlappung bei den verschweißten Ringen zumeist deutlich größer ist als bei den vernieteten. Die Überlappung reichte von 180° [10,11] bis zu 2-3 kompletten Umrundungen [9].

Um die verschweißten Ringe nach dem Verschweißen wieder in Form zu bringen wurden diese anscheinend gefeilt oder anderweitig abgetragen [9]. Ein Schmieden der Ringe in die endgültige Form konnte von [9] metallurgisch nicht festgestellt werden. Genau so ein Vorgang wird aber in [11] vermutet.

Generell scheint es aber so zu sein, dass die verschweißten Ringe trotz der anschließenden Formgebung zumeist eine unregelmäßigere Form haben als die vernieteten Ringe [9, 11]. Durch die Abweichungen der Ringdurchmesser [12-14] kann dies nicht bestätigt werden.

Metallurgische Untersuchungen an leider nur einem Ring aus den Funden von Birka [18] aus dem 10. Jahrh. deuten auch auf ein Verschweißen hin.
Stanzen:

Ausstanzen des Innenkreises aus Blech (L)
Bearbeitung der Außenseite um eine runde Form zu erhalten (M, N)

Alternativ ist es auch denkbar, dass der Ring durch einen zweiteiligen Stempel oder durch zwei Stempel nacheinander vollständig aus dem Blech gestanzt wird.

Die Bearbeitung der Außenseite kann nach [16] durch Abtragen (schneiden, feilen, etc.) erfolgen oder auch durch Umformen (hämmern).
Ob das Ausstanzen von Ringen aus einem Blech gleichzeitig, früher oder später als das Verschweißen eingesetzt wurde, lässt sich Anhand der Untersuchungen nicht sagen.

Von den in [9] untersuchten Ringen wurden nur zwei Proben von Ringen türkischer Herkunft aus dem 17. Jahrh. durch Ausstanzen hergestellt. Allerdings stellt [16] diese Auswertung von [9] in Frage, ohne jedoch konkrete Anhaltspunkte dafür zu liefern. Er geht davon aus, dass das Ausstanzen der Ringe die üblichere oder sogar einzige Methode zur Herstellung geschlossener Ringe war. Vielleicht deuten diese Abweichungen aber auch auf geographische Unterschiede in der Herstellung hin. So sind die in [16] untersuchten Ringe vermutlich skandinavischer Herkunft, während in [9] vorwiegend mitteleuropäische Ringe untersucht wurden (sofern die Herkunft überhaupt bekannt ist).

Da für diese Analyse eine zerstörende Prüfung notwendig ist, wurden viele Kettenrüstungen noch nicht daraufhin untersucht, z.B. [12,13].
Die Nummern 1, 2?, 5, 6, 7 und 10 aus Tabelle 4 weisen in abwechselnden Reihen vernietete und geschlossene Ringe auf, während die Nummern 8 und 9 vollständig aus vernieteten Ringen bestehen.
Ringdurchmesser
Der Außendurchmesser der Ringe der Quellen ist in der Tabelle dargestellt. Bei den Funden in Visby [1] wurden Ringe mit einem Außendurchmesser von 4 bis 17 mm gefunden, wobei die Bronzeringe im Allgemeinen eher die sehr kleinen Durchmesser aufwiesen. Die Mehrheit der gefundenen Ringe hatte einen Durchmesser von 8 bis 10 mm.

Die in Birka [18] gefundenen Ringe weisen eine große Spanne an Durchmessern auf, wobei jedoch zwei Bereiche am häufigsten sind: 8,5 bis 9,5 mm und 11,1 bis 12,0 mm, leider wurde dabei nicht zwischen vernieteten und geschlossenen Ringen unterschieden.

Unter Berücksichtigung der Abweichung ergeben sich somit (bei Nicht-Berücksichtigung der Funde von Visby) Ringdurchmesser von 10,8 bis 15,4 mm. Die meisten Ringe liegen aber im Bereich von 12 bis 13 mm.

Bemerkenswert ist die teilweise hohe Präzision der Ringe. Abweichungen von teilweise nur ±0,1 bis 0,2 mm auch bei vernieteten Ringen zeugen von der hohen Präzision der Fertigung. Allerdings lässt die geringe Stückzahl der gemessenen Ringe natürlich keine gesicherte Aussage dazu zu.

Autor: Malte Möller

Quellen:
[1] Thordeman, Bengt Armour from the Battle of Wisby 1361, 2001, Chivalry Bookshelf
[4] Kohlmorgen, Jan Der mittelalterliche Reiterschild, 2002, Karfunkel Verlag
[5] Williams, Alan The Manufacture of Mail in Medieval Europe: A Technical Note, Gladius,
1980, 15, pp. 105-134
[6] Burgess, E. Martin The Mail-Maker’s Technique, The Antiquaries Journal, 19

53, 33,
pp. 48-55
[8] Burgess, E. Martin Futher research into the construction of mail garments,
The Antiquaries Journal, 1953, 33, pp. 193-202
[9] Smith, Cyril Stanley Methods of Making Chain Mail (14th to 18th Centuries): A
Metallographic Note, Thechnology and Culture, 1:1 (1959) p. 60
[10] Burgess, E. Martin A Reply to Cyril Stanley Smith on Mail Making Methods, Technology
and Culture, 1:2 (1960) p.151
[11] Smith, Cyril Stanley Reply to Mr. Martin Burgess on Mail-Making Methods, Technology

and Culture, 1:3 (1960) p. 289
[12] Burgess, E. Martin The Mail Shirt from Sinigaglia, The Antiquaries Journal xxxvii
(1957), p. 199
[13] Burgess, E. Martin A Mail Shirt from the Hearst Collection, The Antiquaries Journal
xxxviii (1958), p. 197
[14] Reid, William; Burgess, E. Martin A Habergeon of Westwale, The Antiquaries Journal xl
(1960), p. 46
[15] Larking, Guy Francis A Record of European Armour and Arms though Seven Centuries
Vol. II, 1920, G.Bell and Sons Ltd.

[16] Vike, Vegard Ring weave – A metallographic analysis of ring mail material at the
Oldsaksamlingen in Oslo, Semesterarbeit Universität Oslo, Mai 2000,
http://www.vikingsna.org/translations/ringweave.pdf
[17] Bach, Detlef Restaurierungsbericht – Konservierung und Untersuchung eines
mittelalterlichen Kettenhemdes, Winterbach, 25.6.04, http://www.debach.de/ketten.htm
[18] Beatson, Peter Mail from the ‚Garrison’ of Birka – A Review of recent Research, Birka
Traders 2008, http://members.ozemail.com.au/~chrisandpeter/mail/birka_mail.htm
[19] Burgess, E. Martin; Robinson, H. Russel A 14th-century mail hood in the Royal Scottish Museum, Edinburgh

Journal of the Arms and Armour Society, Vol II Nr 3,

p. 59-65,1956

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