Form und Herstellung von Kettenhemden

Form der Kettenhemden

Bild 1.1 Westminster Psalter, England, ca. 1250 [2]

Bild 1.1 Westminster Psalter, England, ca. 1250 [2]

Zur Beurteilung der Form von Kettenhemden des 13. Jahrhunderts ist man auf Bildquellen angewiesen, da meines Wissens nach kein erhaltenes Exemplar aus diesem Zeitraum existiert das eine diesbezügliche Analyse zulässt. Aus dem 14. Jahrh.

sind einige Kettenhemden erhalten, so dass für diesen Zeitraum die Beurteilung dadurch erheblich vereinfacht und genauer möglich ist.

Für das 13. Jahrh. typische Kettenhemdformen

Bild 2 Maciejowski Bibel, Frankreich, ca. 1250 [3]

Bild 2 Maciejowski Bibel, Frankreich, ca. 1250 [3]

sind in den Bildern [1.1,2] dargestellt. Das Kettenhemd besteht im Wesentlichen aus drei Teilen. Dem Torso, der im 13. Jahrh. wie in den Bilder dargestellt zumeist bis kurz oberhalb der Knie reichte.Den Armen, die zumeist langärmelig, mit angebrachten Handschuhen, waren, aber durchaus auch schon halbärmelig vorkamen, wie Bild [1.2] beweist.Die Haube war im 13. Jahrh. zumeist noch fest mit dem Torso verbunden und konnte zumeist über den Kopf gestreift werden.

 

Für das 14. Jahrhundert ergeben sich im Vergleich einige Änderungen. So scheinen lange Ärmel nicht mehr üblich gewesen zu sein, sondern halbe Ärmel waren der Standard, wie in [12,13,14] beschrieben. Außerdem war die Haube zumeist nicht mehr fest mit dem Torso verbunden, sondern konnte komplett abgenommen werden.

Abmessungen

Bezüglich der Abmessungen von Kettenhemden ergibt sich wiederum die Problematik, dass nur Maße von erhaltenen Stücken aus dem 14. Jahrhundert zur Verfügung stehen. Diese können auf Grund der erwähnten Unterschiede nur bedingt für das 13. Jahrh. herangezogen werden, jedoch ist davon auszugehen, dass sich abgesehen von diesen Unterschieden keine gravierenden Änderungen ergeben haben.

Bild 1.2 Maciejowski Bibel, Frankreich, ca. 1250

Bild 1.2 Maciejowski Bibel, Frankreich, ca. 1250

Zu den Abmessungen wurden drei Arbeiten [12,13,14] von E.M. Burgess ausgewertet. Dieser hat die untersuchten Kettenhemden detailliert beschrieben, dabei jedoch keine Maße angegeben, diese mussten daher aus der angegebenen Anzahl von Ringen bzw. Reihen und dem jeweils für das Hemd ermittelten mittleren Ringdurchmesser berechnet werden. Daher sind die angegebenen Abmessungen mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Außerdem sind alle Maße Maximalangaben, also nach maximaler Streckung in der jeweiligen Richtung berechnet, so dass sich diese in der realen Tragesituation durchaus anders darstellen können.

Auffällig sind die doch recht großen Unterschiede beim Torsoumfang. Insbesondere das in Bild 6 dargestellte Hemd muss für eine sehr stämmige und recht große Person gefertigt worden sein.

In Bild 7 ist das in Bild 4 skizzierte Hemd dargestellt.

Bild 4 Skizze nach [12], Italien 14. Jh.

Bild 4 Skizze nach [12], Italien 14. Jh.

Bild 5 Skizze nach [13] unbekannte Herkunft 14. Jh.

Bild 5 Skizze nach [13] unbekannte Herkunft 14. Jh.

Bild 6 Skizze nach [14] Deutschland 14. Jh.

Bild 6 Skizze nach [14] Deutschland 14. Jh.

Bild 7 Kettenhemd Italien 14. Jh. [15]

Bild 7 Kettenhemd Italien 14. Jh. [15]

 

 

Ausführung der Kettenhemden

Europäische Kettenrüstungen des Mittelalters sind aus dem sog. 4-in-1 Kettengeflecht aufgebaut, wobei jeder Ring durch vier andere Ringe geführt ist. In der zeitgenössischen Literatur ([24] und viele andere) gibt es Hinweise auf andere Geflechte, die als doppelte Kettenhemden, „Kings Mail“, oder ähnlich bezeichnet werden. In Bildquellen oder archäologischen Funden gibt es aber meines Wissens nach keine Hinweise darauf, dass andere Typen als 4-in-1 tatsächlich existierten.

Bild 8 Skizzengeflecht

Bild 8 Skizzengeflecht

In Bild 8 ist die grundlegende Form des 4-in-1 Typs dargestellt. Dabei wechseln sich Reihen von Ringen mit Orientierung nach Rechts (hier rot dargestellt) periodisch mit solchen mit einer Orientierung nach links (hier blau dargestellt) ab.

Bild 9 Orientierug des Kettengeflechts im Kettenhemd, Skizze nach [12, 13, 14]

Bild 9 Orientierug des Kettengeflechts im Kettenhemd, Skizze nach [12, 13, 14]

In Bild 9 ist die Orientierung der Kettenringreihen in den ausgewerteten Kettenhemden dargestellt. Die Pfeile entsprechen dabei denen in Bild 8. Der Torso geht somit nahtlos in die Ärmel über. Alle drei ausgewerteten Hemden hatten am Halsausschnitt einen Kragen angesetzt, der aus einem wenige Ringreihen dicken Band bestand, dass einmal komplett um den Halsausschnitt gelegt war. Die Orientierung der Ringe war somit an Front und Rücken parallel zu dem des Torsos, an den Schultern aber um 90° versetzt. Um das Kettengeflecht an den Träger anzupassen, ist es notwendig Erweiterungen oder Reduzierungen des Geflechts vorzunehmen. Je nach Orientierung der Erweiterung/ Verengung im Vergleich zu den Ringreihen kommen dabei verschiedene Techniken zum Einsatz. Ist die Erweiterung/Reduzierung in der gleichen Richtung wie die Reihen, wie dies am Torso der Fall ist, so kommt die Methode der Leerringe (nach E.M. Burgess [8] „idle rings“) zum Einsatz. Ist die Erweiterung/ Reduzierung aber senkrecht zur Richtung der Ringreihen, so kommen die Loch- oder Knoten-Methoden zum Einsatz (nach E.M. Burgess [8] „hole decrease, knot decrease“)

Bild 10 Erweiterung mittels Leering

Bild 10 Erweiterung mittels Leering

In Bild 10 ist die Erweiterung mittels Leerring dargestellt. Dabei wird ein zusätzlicher Ring (hier gelb dargestellt) eingefügt, der somit nur durch drei andere Ringe führt (daher Leerring). Der Ring in den der Leerring zusätzlich eingefügt wurde (hier grün dargestellt) führt nun durch fünf Ringe. Unterhalb des Leerrings wird das Geflecht normal weitergeführt. Dadurch hat sich nun eine Erweiterung um einen Ring ergeben (hier von 4 roten Ringen auf 5). Die Störung im Geflecht durch diese Erweiterung ist minimal und zumeist kaum sichtbar.

Bild 11 Reduzierung mittels Leerring

Bild 11 Reduzierung mittels Leerring

In Bild 11 ist dem entsprechend die Reduzierung mittels Leerring dargestellt. Dabei wird ein Ring (hier grün dargestellt) durch drei Ringe der darüber liegenden Reihe geführt anstatt wie sonst nur durch zwei. Dadurch ergibt sich einer Reduzierung um einen Ring (hier von 6 roten Ringen auf 5).

Bild 12 Reduzierung mittls Loch

Bild 12 Reduzierung mittls Loch

In Bild 12 ist eine Reduzierung mittels Loch dargestellt. Die Orientierung der Ringreihen ist 90° versetzt zu denen in Bild 10 + 11, so wie man es z.B. am Ärmel vorfindet. Bei dieser Methode werden zwei Reihen auf einmal eliminiert, indem diese einfach übersprungen werden. Der hier grün markierte Ring verbindet zwei Reihen miteinander die normalerweise durch drei Reihen voneinander getrennt sind. Dadurch führen die beiden gelb markieren Ringe nur noch durch jeweils drei andere Ringe, wodurch ein kleines Loch im Geflecht entsteht. Burgess [8] vermutet, dass daher diese Methode nur dort angewendet wurde, wo das Kettenhemd nicht so stark sein musste und/oder ein Knoten den Tragekomfort beeinträchtigt hätte.

Bild 13 Reduzierung mittels Knoten

Bild 13 Reduzierung mittels Knoten

In Bild 13 ist die Reduzierung mittels Knoten dargestellt. Auch hier werden wiederum gleich zwei Reihen eliminiert indem der hier grün dargestellte Ring durch fünf Ringe geführt wird und damit zwei Reihen aus blauen Ringen verbindet, die normalerweise durch eine weitere blaue Reihe getrennt sind. Dadurch wird der hier gelb markierte Ring nach oben verschoben und erzeugt einen Knubbel oder Knoten im Geflecht. Diese Methode ist vermutlich stärker als die Loch-Methode und sollte nach Burgess [8] daher dort angewendet werden wo das Kettenhemd stark belastet wird und ein Knoten den Tragekomfort nicht beeinträchtigt.

Bild 14 90°-Verbindung

Bild 14 90°-Verbindung

An einigen Stellen, wie z.B. unter den Armen und am Kragen, ist es notwendig, zwei Geflechtstücke im 90° Winkel miteinander zu verbinden. Die Methode dafür ist in Bild 14 dargestellt. Dabei verbinden die hier grün dargestellten Ringe jeweils ein bzw. zwei Ringe des senkrecht verlaufenden Geflechtes mit einem Ring des waagerecht verlaufenden Geflechtes. Die Abfolge von ein bzw. zwei Ringen am senkrechten Geflecht hängt dabei von der Ringgröße ab und sollte so gewählt werden, dass keine Verzerrungen durch die Verbindung in den Geflechten auftreten.

Analyse existierender Kettenhemden

In den Bildern 15 bis 18 sind die von Burgess [8,12,13,14] untersuchten Kettenhemden dargestellt. Die Positionen der Erweiterungen und Reduzierungen sind markiert. Anhand der Symmetrie der Erweiterungen/Reduzierungen ist es klar ersichtlich, dass bei der Herstellung der Kettenhemden ein klarer Plan vorlag, der allerdings von Hemd zu Hemd sehr unterschiedlich sein konnte.

Allen vier untersuchten Kettenhemden ist jedoch ein grundlegendes Vorgehen gemein. So finden sich zumeist an den Schultern einige Erweiterungen für den Brustkorb. Unterhalb des Brustkorbes bis zur Taille wird der Durchmesser des Hemdes durch einige Reduzierungen wieder verringert, zumeist auf oder sogar unter den ursprünglichen Durchmesser. Unterhalb der Taille sind dann zumeist wieder Erweiterungen eingefügt um die Bewegungsfreiheit der Beine nicht zu beeinträchtigen. Die Ärmel weisen Loch Reduzierungen auf, die jedoch in den meisten Fällen in den Publikationen leider nicht eingezeichnet waren.

_wsb_239x412_Bild+15      _wsb_204x415_Bild+17   _wsb_223x416_Bild+18

_wsb_201x414_Bild+16Bild 15 Skizze nach [13], unbek. Herkunft 14. Jahrh.  Bild 16 Skizze nach [12],Italien 14. Jahrh.  Bild 17 Skizze nach [14],Deutschland 14. Jahr   Bild 18 Skizze nach [8],Deutschland 15. Jahrh.

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Autor: Malte Möller

Quellen:

[8] Burgess, E. Martin Futher research into the construction of mail garments,

The Antiquaries Journal, 1953, 33, pp. 193-202

[12] Burgess, E. Martin The Mail Shirt from Sinigaglia, The Antiquaries Journal xxxvii

(1957), p. 199

[13] Burgess, E. Martin A Mail Shirt from the Hearst Collection, The Antiquaries Journal

xxxviii (1958), p. 197

[14] Reid, William; Burgess, E. Martin A Habergeon of Westwale, The Antiquaries Journal xl

(1960), p. 46

[15] Larking, Guy Francis A Record of European Armour and Arms though Seven Centuries

Vol. II, 1920, G.Bell and Sons Ltd.

[20] Westminster Psalter, England, ca. 1250, British Library, London

[21] Maciejowski Bibel (auch Kreuzfahrerbibel genannt), Frankreich, ca. 1250, Pierpont

Morgan Library, New York

[24] Usâma ibn Munqidh Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritterheere, Goldmann Verlag

1988

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